#1 interssante Neuigkeiten von BruderOlyver 10.05.2012 18:26

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Im Spiegel Online Portal im Bereich der Wissenschaft und Technik fanden sich doch ein paar interessante Artikel.
Einige liegen dort schon länger herum und wurden (zumindest von mir) erst jetzt gefunden!

Da ist zum einen ein etwas allgemein gehaltener Beitrag, der jedoch doch die Illusionen des Rittertums, die uns aus Filmen bekannt gemacht wurde, ziemlich bei Seite schiebt. Nicht mehr ganz frisch, aber ein Ansatz für Diskussionen / Gesprächen über den
Mythos Mittelalter

Thematisch etwas schwieriger für unsere zart besaiteten Gemüter geht es in einem Beitrag eines Bielefelder Forschers, der sich das mittelalterliche Strafrecht vorgenommen hat.

Sachlicher zu geht es bei einem Thema, dass Neugierige beider Geschlechter interessieren dürfte: Herrscherinnen im Frühmittelalter

Wenn es sich abzeichnet, dass hier Interesse besteht, kann das eine oder andere Thema als Einzelthema in den passenden Bereich der Gelebten Geschichte verschoben werden!

#2 weitere Neuigkeiten von BruderOlyver 15.05.2012 16:33

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Im Spiegel Online Portal im Bereich der Wissenschaft fanden sich noch ein paar mehr Artikel, die ich hier zum Schmökern, Schocken und/oder Schmunzeln geben möchte.

Ein etwas älterer Artikel aus dem Jahre 2008, in dem Angelika Franz über das Thema Angelsächsische Richtstätte schreibt.
Das Geheimnis von Hell's Gate: Ein sagenumwobener Hügel in der englischen Grafschaft Yorkshire hat sein Geheimnis preisgegeben: Er diente über drei Jahrhunderte als Richtplatz. Mit modernen Methoden haben zwei Archäologinnen die Wahrheit über vermurkste Axthiebe und gepfählte Köpfe ans Licht geholt.
Wer lieber nur die Bilder sich anschauen möchte: Hell's Gate Fotostrecke

Etwas neueren Datums ist ein Artikel mit ähnlicher Thematik. Angelika Franz berichtet hier über Henkersplätze im Hinterhof. In manchem deutschen Garten liegen steinalte Leichen, unentdeckt und übel zugerichtet: Unter der Grasnarbe verbergen sich Galgenhügel und Henkersplätze aus dem Mittelalter. Bisher wurden sie oft nur durch Zufall entdeckt - doch jetzt machen sich Archäologen auf die Suche.
Auch hier gibt es für die Lesefauleren eine Fotostrecke.

Eine ebenso makabere wie trotzdem faszinierende Art eines historischen Verbrechens sind die Selbstmord-Morde, über die Angelika Franz in ihrem Artikel Übers Schafott in den Himmel resümiert.

Wenn es sich abzeichnet, dass hier Interesse besteht, kann das eine oder andere Thema als Einzelthema in den passenden Bereich der Gelebten Geschichte verschoben werden!

#3 weitere Neuigkeiten von BruderOlyver 03.04.2018 14:18

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1000 Jahre altes Handerwerkerviertel in Basel entdeckt

Wegen des Umbaus des Spiegelhofs führt die Archäologische Bodenforschung Basel seit Januar 2018 ein aussergewöhnliches Grabungsprojekt durch. Unter der Einstellhalle des Spiegelhofs befinden sich die gut erhaltenen Reste eines rund 1000 Jahre alten Handerwerkerviertels.
Für den Bau des Spiegelhofs in den Jahren 1937 bis 1939 mussten am Petersberg zahlreiche Häuser weichen. Damit ging ein noch von der spätmittelalterlichen Baustruktur geprägtes Altstadtviertel mit engräumiger Bebauung und verwinkelten Gassen verloren. Beim Aushub der Baugrube entdeckte man fast 1000 Jahre alte Hausgrundrisse aus Holz, die sich dank einer in Basel seltenen Bodenbeschaffenheit (Feuchtboden) hervorragend erhalten haben. Diese Befunde sind für Basel und die Schweiz einzigartig, aber auch europaweit weitgehend ohne Parallelen. Sie gehören, wie zahlreiche Lederfragmente belegen, zu einem Handwerkerviertel aus der Frühzeit der mittelalterlichen Stadt, in dem vermutlich bereits seit dem 10. Jahrhundert Schuhmacher tätig waren. Das Viertel lag innerhalb der um 1080 durch Bischof Burkhard errichteten Stadtmauer. Unter den mittelalterlichen Holzbauten liegen zudem bis zu einem Meter mächtige spätrömische Schichten.

Beim aktuellen Umbauprojekt im Spiegelhof erwartet die Archäologische Bodenforschung weitere mittelalterliche Hausreste und erneut gut erhaltene Funde aus organischen Materialien wie Holz, Textilien oder Leder. Dank naturwissenschaftlicher Methoden wie der Archäobiologie und der Dendrochronologie, bei der mit Hilfe der Jahrringe das Fälljahr von Bauhölzern datiert wird, lassen sich zudem wichtige Erkenntnisse über die Umwelt- und Klimageschichte gewinnen, die uns einen Einblick in die Lebensumstände im mittelalterlichen und spätantiken Basel ermöglichen.

Grabungsführungen
Bis Ende Juni 2018:
Mittagsführungen: jeden Donnerstag um 12.30 Uhr
Abendführungen: am 5. April, 3. Mai und 7. Juni 2018 um 17.30 Uhr
Treffpunkt: beim Durchgang/Innenhof des Spiegelhofs. Dauer ca. 30 Minuten.

Links: Archäologische Bodenforschung des Kantons Basel-Stadt
und: Infos zu den Ausgrabungen der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt

Quelle: https://www.archaeologie-online.de/

#4 Hitzewelle 2018 in Europa von BruderOlyver 22.08.2018 13:07

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Hitzewelle enthüllt europaweit Spuren vergangenen Lebens

Ganz Europa macht die Hitzewelle und anhaltende Trockenheit zu schaffen, doch sie gibt uns auch historische Orte preis, die die Menschheit längst vergessen hat.

Die Dürre macht im Moment den Tieren, Pflanzen und Menschen stark zu schaffen. Doch sie gibt auch die Möglichkeit Spuren von vergangenen menschlichen Aktivitäten aufzudecken. Denn nicht nur in Deutschland gab die Hitzewelle in den letzten Wochen einige Bodendenkmäler preis, von dessen Existenz mitunter niemand mehr wusste.

Der Schlossgarten des Chatsworth House aus dem 17. Jahrhundert
In Derbyshire (England) offenbarte die langanhaltende Hitze einen kunstvoll gestalteten Schlossgarten des Chatsworth House aus dem 17. Jahrhundert. Unter dem verbrannten Gras kann man die Muster sehen, in denen einst Blumenbeete und Pfade standen. Laut den Aussagen von Steve Porter, dem Direktor der Gärten, waren die Muster, die unter dem Rasen versteckt waren, bereits bekannt. „Es war keine verlorene Landschaft oder so – wir wussten, dass sie da waren.“
Die einst durch üppiges Gras verborgenen Muster zeichnen sich nun durch gelbe Flächen ab. „Das heiße und trockene Wetter, unter dem wir im Moment leiden, hat dazu geführt, dass die Bereiche, in denen es Wege und andere Anlagen darunter gab, jetzt schön und deutlich zu sehen sind. Sie offenbaren die Orte wo einst Blumenbeete und Wege waren.“
Die 105 Hektar große Anlage aus Garten- und Herrenhaus ist seit mehr als 16 Generationen im Besitz der Familie Cavendish, den Herzögen von Devonshire.

30 neue Bodendenkmäler in Sachsen
Allein in Sachsen konnten dieses Jahr aufgrund der extremen Trockenheit 30 neuen Fundstellen registriert werden. Neben Grabanlage und Hausgrundrissen entdeckten die Archäologen des Landesamtes für Archäologie in Sachsen auch mehrere mittelalterliche Burganlagen sowie Kreisgrabenanlagen aus dem Neolithikum.
Mithilfe der Luftbildarchäologie konnten besonders im Landkreis Leipzig die Spuren mehrerer bronzezeitlichen Grabhügel sowie linienbandkeramische Hausgrundrisse entdeckt werden.
Weiterhin gibt es zwei neue Kreisgrabenanlagen aus Kyhna (um 4.600 v. Chr.), eine Reihe bronzezeitliche Grabhügel aus Großtreben sowie zwei mittelalterliche Burganlagen in Pöhsig und Großzschepa zu verzeichnen. Die genauen Angaben der jeweiligen Fundorte bleiben jedoch geheim, um Raubgräberei zu verhindern.

Quelle: Epoch Times

#5 Schiffwracks im Schwarzen Meer von BruderOlyver 22.08.2018 14:24

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Die eigentliche Meldung ist schon zwei Jahre alt, aber erst durch die Aktualisierung des Postings wurde ich dauf aufmerksam. Für uns Landratten ist das ganze Thema auch eher etwas exotisch, aber grundsätzlich doch interessant.

Dutzende Schiffswracks im Schwarzen Meer entdeckt – Grundlage der modernen Schifffahrt gefunden

Während einer Mission zur Kartografierung des Schwarzen Meeres wurden über vierzig teils tausend Jahre alte Schiffswracks entdeckt. Ihr unglaublich guter Zustand ist eine absolute Seltenheit und bietet Erkenntnisse über die Geschichte der europäischen Handelsrouten. Ein internationales Expertenteam ist in einer umfassenden Mission damit beauftragt worden, den Boden des Schwarzen Meeres zu kartografieren. Dabei sollen Erkenntnisse über den Einfluss der Besiedlung in der Region, sowie zum Wasseranstieg nach der letzten Eiszeit gesammelt werde.

Im Verlauf dieser Mission sind die beiden ferngesteuerten Tauchroboter (ROVs, Remote Operated Vessels) auf über vierzig Schiffswracks gestoßen. Die Wracks werden dem Byzantinischen und Osmanischen Reich zugeordnet und liegen dort teilweise seit 1.000 Jahren. Trotz vieler geschichtlicher Berichte über verlorene Schiffe ist es das erste Mal, dass die entsprechenden Wracks diese Angaben bestätigen können. Darüber hinaus bieten die Schiffe Anhaltspunkte, in welchen Beziehungen die küstennahen Gemeinden und Städte gestanden und Handel getrieben haben.

Eins von über vierzig der sehr gut erhaltenen mittelalterlichen Wracks, die während der Mission zur Kartografierung des Meeresbodens entdeckt wurden.
Professor John Adams, Gründungsdirektor und Hauptermittler des Zentrum für Meeresarchäologie an der Universität von Southampton, sagte, dass die Wracks ein unerwarteter Bonus sind und eine interessante Geschichte liefern können. „Sie sind umwerfend gut erhalten“, so Adams weiter, „niemand hat jemals so vollständige Wracks in dieser Tiefe gefunden.“ Die mittelalterlichen Schiffe liegen knapp einen Kilometer tief unter der Wasseroberfläche. Durch die Tiefe und Wasserverhältnisse konnten Masten, Decks und andere Holzarbeiten seit sieben oder acht Jahrhunderten ungestört liegen. Ein Mangel an Sauerstoff in den eisigen Tiefen und die absolute Dunkelheit stellen eine lebensfeindliche Umgebung dar und haben ein Zersetzen der hölzernen Bauteile verhindert.
Diesen Herbst haben Wissenschaftler jeweils ein ROV zu den Wracks gesandt und unter Flutlicht tausende Fotos gemacht. Ein Computer hat diese schließlich zu den endgültigen, hochauflösenden Bildern zusammengesetzt.
Archäologen schätzen die Funde auf das 13. bis 14. Jahrhundert. Sie ermöglichen einen neuen Blickwinkel auf die Schiffe, die zwei Jahrhunderte später die „Neue Welt“ entdeckten, einschließlich der Schiffe von Kolumbus. Zuvor wurde dieser Typ Schiff nirgends auf der Welt gefunden, geschweige denn in diesem guten Zustand. Eine Neuerung im Schiffbau dieser Zeit waren die erhöhten Heckplattformen, von denen der Kapitän jeweils bis zu 20 Seeleute befehligte.

In der Geschichte der Tiefseearchäologie gibt es keine ähnlichen Funde

Ein osmanisches Schiff, wie es die Forscher am Meeresboden gefunden haben. Die Vollständigkeit der Wracks ist einzigartig.
Zeitlich überspannen die Wracks ein ganzes Jahrtausend, alle sind zwischen dem Neunten und 19. Jahrhundert gesunken. Trotz der enormen Zeit unter Wasser sind sie in einem derart guten Zustand, dass auf den Fotos Seile, Ruder und kunstvolle Schnitzereien erkennbar sind, so der Leiter des Projektes, John Adams.
Ein Mitglied des Forscherteams ergänzte, dass „diese Funde seine wildesten Vorstellungen übertroffen“ haben. Unabhängige Fachleute bestätigen, dass in der Geschichte der Tiefseearchäologie, wenn überhaupt, sehr wenige vergleichbare Entdeckungen gemacht wurden.
Die ‚Blume des Schwarzen Meeres‘, an dessen Heck Seilrollen und Schnitzereien zu erkennen sind. Der Mangel an Sauerstoff und die ewige Dunkelheit haben die Wracks hervorragend konserviert.

Das Schwarze Meer als Zugang zum Welthandel

„Es ist eine großartige Sache“, sagte Shelley Wachsmann vom Institut der Nautischen Archäologie an der Texas A&M Universität. „Wir können einige wichtige Erkenntnisse zum Verständnis der antiken Handelsrouten erwarten“.

Handelsgüter auf dem Schwarzen Meer beinhalteten unter anderem Getreide, Felle, Pferde, Öle, Kleidung, Wein und Menschen. Die Tataren versklavten die Christen und haben sie zum Beispiel nach Kairo verschifft. Für die Europäer bot das Gewässer Anschluss an den nördlichen Teil der Seidenstraße und ermöglichte den Import von Seide, Satin, Muskat und anderen Gewürzen, sowie Parfüm und Juwelen.
Auch Marco Polo bereiste nachweislich das Schwarze Meer. Darüber hinaus verteilten sich italienische Handelsstädte entlang der Küste. Die erzielten Gewinne waren derart gewaltig, dass Venedig und Genua mehrere Kriege über die Kontrolle der Handelswege führten, auch um die Routen im Schwarzen Meer.
Brendan P. Foley, Archäologe vom Woods Hole Oceanographic Institution, Massachusetts, meinte, dass der gute Zustand der Wracks darauf schließen lässt, dass auch im Inneren noch viele Güter erhalten sein könnten. „Wir finden vielleicht Bücher, Pergamente und andere Schriftstücke. Wer weiß, wie viel von dem Zeug transportiert wurde? Aber jetzt haben wir die Möglichkeit es herauszufinden…“

In den tiefen Gewässern könnten noch viele Wracks liegen

Experten meinen, dass der Erfolg in den bulgarischen Gewässern andere Forscher inspirieren könnte, an der Suche teilzunehmen. Als Küstenstaaten könnten Georgien, Rumänien, Russland, Türkei und die Ukraine in ihren Seegebieten ebenfalls Wracks finden.
Dr. Foley, der bereits einige Wracks im Schwarzen Meer untersucht hat, sagte, dass in den Tiefen des Meeres zweifelsfrei noch zehntausende verlorene Schiffe liegen. „Alles was dort sinkt, wird konserviert.“
Für viele Jahre war das Schwarze Meer eine viel befahrene Wasserstraße, die den Balkan, die eurasischen Steppen, den Kaukasus, Kleinasien, Mesopotamien und Griechenland verbunden hat.
Auch die großen europäischen Flüsse enden im Schwarzen Meer und bringen so viel Wasser mit, dass sich ständig eine Schicht Süßwasser über dem dichteren Salzwasser des Mittelmeeres befindet. Als Ergebnis vermischt sich der Sauerstoff der Atmosphäre zwar mit dem Süßwasser, aber gelangt nicht in die tieferen Schichten.
1976 hat Willard Bascom, Pionier der Ozeanografie, in seinem Buch „Deep Water, Ancient Ships“ das Schwarze Meer als einzigartig bezeichnet und durch die außergewöhnlichen Bedingungen als den vielversprechendsten Kandidaten für Forschungen und Entdeckungen. „Man ist versucht, sofort mit der Suche zu beginnen, trotz der enormen Ausmaße, die abgedeckt werden müssen.“

Bereits 2002 hat Robert D. Ballard, Entdecker der Titanic, eine Expedition im Schwarzen Meer geleitet und ein 2.400 Jahre altes Wrack gefunden. Im Laderaum wurden unzählige Tongefäße gefunden, eins davon war mit getrocknetem Fisch gefüllt, eine beliebte Speise in Griechenland zu jener Zeit.

Ein byzantisches Schiffswrack, das möglicherweise seit dem 9. Jahrhundert auf dem Meeresgrund liegt. Im Vordergrund ist einer der ROVs zu sehen, die den Boden kartografieren sollten und letztendlich die Wracks gefunden haben.

Internationale Forschungen im Schwarzen Meer

Das aktuelle Team benötigte für seine Forschungen die Erlaubnis vom bulgarischen Ministerium für Kultur und Auslandsangelegenheiten und beschränkte die Suche auf die bulgarischen Hoheitsgewässer. Aber auch in diesen Bereich fallen einige tausend Quadratkilometer, die untersucht wurden.
Trotz des offiziellen Projektnamens Black Sea Maritime Archaeology Project oder „Black Sea MAP“ befördert das Ausgrabungsteam auch Sedimente an die Oberfläche, um nach Hinweisen für den Anstieg des Wasserspiegels zu suchen und welche Einflüsse dies auf die ehemaligen Landflächen, sowie Siedlungen hatte.
Mitglieder dieses international besetzten Teams sind unter anderem das nationale bulgarische Institut für Archäologie und das Zentrum für Unterwasserarchäologie des Landes. Darüber hinaus sind auch die Sodertorn Universität aus Schweden und das Hellenische Zentrum zur Erforschung der Meere aus Griechenland vertreten.

Die eigentliche Mission geriet in den Hintergrund

Die Finanzierung des Projektes sichert die britische Stiftung für Erforschung und Bildung, deren Geldgeber anonym bleiben wollen, so ein Teammitglied. Der wissenschaftliche Leiter, Dr. Adams von der Universität von Southampton, beschreibt es als größte akademisch-wirtschaftliche Partnerschaft dieser Art.
Über die Höhe der Kosten der dreijährigen Expedition ist nichts bekannt. Im letzten Jahr begann man mit einem großen Schiff unter griechische Flagge die Voruntersuchungen zu machen. Die Forschungsplattform dieses Jahres ist das britische Schiff „Stril Explorer„. Dieses Forschungsschiff bietet unter anderem einen Helikopterlandeplatz, sowie mehrere Tauchroboter, die normalerweise für die Wartung von Unterseeleitungen und -strukturen der Offshore-Öl-Industrie verwendet werden.
Statt Ölförderanlagen zu überprüfen, sollten die ROVs den Meeresboden kartografieren. Doch als Dr. Pacheco-Ruiz, ebenfalls von der Universität von Southampton, eines Nachts die Monitore beobachtete und die Roboter die Wracks erleuchteten, geriet die Kartografierung in den Hintergrund. Als er die Seile sah, hat es ihm die Sprache verschlagen und bis heute könne er dies immer noch nicht fassen. „Wracks in diesem gut erhaltenen Zustand sind eine absolute Seltenheit.“

„Wie zwei kleine Jungs im Spielzeugladen“

Die ersten gefundenen Schiffe stammen aus dem Osmanischen Reich, dessen Hauptstadt das heutige Istanbul ist, und sanken höchstwahrscheinlich zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert. Auch die „Blume des Schwarzen Meeres“ war eins der ersten entdeckten Schiffe.
In einem Interview sagte Dr. Batchvarov von der Universität Connecticut, dass die meisten der Funde in die Zeit des Osmanischen Reiches eingeordnet werden können. Als er weitere Schiffswracks auf den Monitoren der ROVs erblickte, war er geneigt, sie ebenfalls in diese Zeit einzuordnen.
Dann sah er die seitlich angebrachten Ruder und erkannte, dass diese Wracks deutlich älter sein mussten. Als die Tauchroboter ein weiteres Wrack beleuchteten, war auch Dr. Adams geweckt worden und ebenfalls in der Kommandozentrale der ROVs eingetroffen.
„Er war sofort da.“ erinnert sich Dr. Batchvarov. Die Beiden sahen sich an wie zwei kleine Jungs im Spielzeugladen. Weiter sagte Dr. Batchvarov, dass das mittelalterliche Wrack, welches knapp einen Kilometer tief liegt, ein Teil einer Schiffsklasse war, die unter verschiedenen Namen bekannt ist. Darunter auch Namen wie „Cocha“ oder „Rund-Schiff“, Letzteres leitete sich von der Bauart der Rümpfe ab, durch die mehr Fracht unter Deck transportiert werden konnte als in einem vergleichbaren Kriegsschiff.

Auch die schnellsten Computer brauchen für diese Fotos mehrere Tage

Die erstaunliche Farbigkeit der Bilder stammt nicht direkt aus den Aufnahmen der ROVs, so Dr. Adams. Viel mehr wird dies erst durch einen Kombinationsprozess am Computer generiert.
Im Laufe dieses Verfahrens gleicht die Software Entfernungen zwischen einzelnen Objekten ab und verwandelt flache Bilder in dreidimensionale Renderings der Wracks.
Die Rohdaten liefern die Foto- und Videoaufnahmen der Tauchroboter und die Entfernungsmessungen der Sonargeräte. Durch die verwendete Hochfrequenztechnik lassen sich die Wracks bis in den Millimeterbereich genau messen.
Ein Bericht des Forschungsteams beschreibt diese Bilder als „digitale Modelle“, deren Erstellung auch mit den schnellsten Computern durchaus mehrere Tage dauern kann.
Doch es soll nicht bei Fotos bleiben, laut der Webseite des Team soll eine Dokumentation über die Entdeckungen entstehen. Auch soll die Begeisterung zum Forschen und Entdecken in Schulen und Universitäten geweckt werden.

Eine Bergung der Wracks ist nicht unmöglich

Ein Thema, über das Nationen, Wissenschaftler und Schatzjäger lange gestritten haben, ist die Bergung solcher Schiffswracks. Dazu wurde von Seiten des Expeditionsteams bisher jedoch wenig gesagt. Bulgarien ist Unterzeichner einer UN-Resolution von 2001, die den kommerziellen Handel mit unterseeischem Kulturerbe verbietet und Richtlinien bezüglich der Bergung und öffentlichen Ausstellung vorgibt.
Dr. Pacheco-Ruiz sagt, man habe bisher 44 Schiffswracks gefunden und fotografiert. Er geht jedoch auch davon aus, dass dort noch mehr Wracks liegen.
Auf die Frage, was das Wichtigste ist, antwortete Dr. Adams, wissenschaftlicher Leiter der Expedition, das das „Rund-Schiff“ ein zentrales Element im europäischen Schiffsbau war und aufgrund dessen Stadtstaaten wie Venedig und Seefahrer wie Marco Polo hervorgingen. Dieses Schiff beinhaltete eine Reihe von Innovationen, die es deutlich von seinen Vorfahren abhebt und weitere Entwicklungen ermöglichte.
„Es sei nicht zu gewagt, wenn man behauptet, dass das mittelalterliche Europa mit Hilfe von Schiffen wie diesen modern wurde“, so Adams weiter.

Quelle: Epoch Times

P.S.: Am 11.11.2016 gab es eine Veröffentlichung in der New York Times von William J. Broad.

#6 Eine Tropenkrankheit in Nordeuropa von BruderOlyver 06.10.2020 15:25

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Im späten Mittelalter grassierte nicht nur die Pest in Europa – offenbar erkrankten Menschen auch an der Frambösie, einer Infektionskrankheit, die heute nur noch in den Tropen vorkommt. Belege dafür liefert das Skelett einer im 15. Jahrhundert im litauischen Vilnius begrabenen Frau. DNA-Analysen enthüllen, dass sie sowohl an der Pest wie auch an der Frambösie litt. Die Forscher vermuten, dass sie kein Einzelfall war.

Im späten Mittelalter forderte die Pest Millionen von Todesopfern in Europa. Von dem massenhaften Sterben an dieser bakteriellen Infektion zeugen noch heute viele Massengräber aus jener Zeit. Eine dieser Pest-Grabstätten haben Archäologen schon vor einigen Jahren im litauischen Vilnius aufgespürt. Der außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern liegende Friedhof enthält viele Gräber, in denen bis zu 15 Tote zusammen bestattet worden waren. Auffallend viele dieser Toten sind zudem Jugendliche oder junge Erwachsene. Das spricht dafür, dass sie im 15. Jahrhundert im Rahmen einer Seuche gestorben sind.

Erregerfahndung bei mittelalterlichen Pestopfern

Um herauszufinden, ob es sich bei diesen Toten um Pestopfer handelt, haben Karen Giffin vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena und ihre Kollegen DNA-Proben aus den Zähnen von 26 Individuen entnommen und auf genetische Spuren des Pesterregers Yersinia pestis hin untersucht. Tatsächlich erwiesen sich sechs der Proben als positiv – es handelte sich demnach höchstwahrscheinlich um Opfer der Pest. Doch die Forscher wollten auch wissen, ob diese Menschen zu Lebzeiten möglicherweise auch noch an anderen Infektionskrankheiten litten.

Das Problem jedoch: „Die gängige Methode für die Erkennung von Krankheitserregern in archäologischen Funden setzt voraus, dass man ungefähr weiß, wonach man sucht“, erklärt Giffins Kollege Alexander Herbig. „In diesem Fall nutzten wir jedoch einen noch relativ neuen Ansatz für die DNA-Analyse, um so ohne Vorannahme nach weiteren Erregern zu suchen, die wir auf molekularer Ebene möglicherweise feststellen könnten“. Bei dieser sogenannte HOPS-Methode wird die DNA der Probe durch ein automatisiertes Verfahren mit den Erbgutabfolgen bekannter Erreger abgeglichen. Das ermöglicht es, das Genom von Erregern in alten DNA-Proben zu identifizieren, auch ohne dass man vorher weiß, wonach man sucht.

Erreger der Tropenkrankheit Frambösie nachgewiesen

Tatsächlich wurden Griffin und ihr Team fündig: Eine der vier untersuchten Pesttoten, eine junge Frau, wies neben den Genspuren der Pest auch das Signal eines zweiten Erregers auf. Dabei handelte es sich zur Verblüffung der Forscher um das Bakterium Treponema pallidum pertenue, den Erreger der heute nur in den Tropen verbreiteten Krankheit Frambösie. Diese Infektionskrankheit verursacht zunächst rote Pusteln und Ausschläge, die an eine Himbeere erinnern, daher der vom französischen Wort für Himbeere abgeleitet Name Frambösie. In späteren Stadium befällt der Erreger aber auch Knochen und Gelenke und hinterlässt Verformungen und Veränderungen der Knochenstruktur. „Die am Skelett der litauischen Frau gefundenen Manifestationen stimmen mit solchen Trepanema-Läsionen überein“, berichten die Forscher.

Damit scheint klar, dass diese Frau aus dem Baltikum an einer Frambösie litt – obwohl sie weit außerhalb der Tropen lebte. „Das in Nordeuropa zu finden, in einem Massengrab aus dem 15. Jahrhundert, war unerwartet“, sagt Giffin. Der Fund deutet darauf hin, dass die Tropenkrankheit Frambösie im Mittelalter auch außerhalb der Tropen verbreitet war – bis nach Nordosteuropa hinein. „Das hat wichtige Folgen für die Geschichte von treponemalen Krankheiten in Europa“, sagt Giffins Kollegin Kristen Bos. „Wir können jetzt bestätigen, dass sich die Frambösie bereits im mittelalterlichen Europa im Umlauf befand.“ Die Wissenschaftler vermuten, dass der Erreger dieser Krankheit damals von Westafrika aus nach Europa eingeschleppt wurde – durch die Kolonialisierung dieser Region und möglicherweise auch durch den aufkommenden Sklavenhandel.

Frambösie statt Syphilis?

Darüber hinaus ist der Fund in Litauen aber noch aus einem anderen Grund interessant. Denn er könnte auch ein neues Licht auf die Geschichte einer weiteren Infektionskrankheit werfen – der Syphilis. Diese Geschlechtskrankheit wird vom eng verwandten Bakterium Trepanema pallidum pallidum verursacht. Gängiger Annahme nach gelangte dieser Erreger zu Kolumbus Zeiten aus der Neuen Welt nach Europa. Als Indiz dafür gilt ein großer Ausbruch dieser Krankheit im Jahr 1495 nach einer Belagerung der Stadt Neapel durch Karl VIII. – kurz nach der Rückkehr des Kolumbus aus Amerika.

Doch der Nachweis der eng verwandten und von ähnlichen Hautausschlägen gekennzeichneten Frambösie im Litauen des 15. Jahrhunderts legt nun nahe, dass es sich hier um eine Verwechslung handelt: „Aufgrund ihrer Ähnlichkeit zu Syphilis und des zeitähnlichen Auftretens, ist es möglich, dass die Frambösie zu dem bekannten Ausbruch im 15. und 16. Jahrhundert beitrug, den wir normalerweise auf Syphilis zurückführen“, sagt Bos. Das könnte bedeuten, dass zumindest einige der vermeintlichen Syphilisausbrüche in Wirklichkeit Fälle von Frambösie waren.

Wann die Syphilis demnach tatsächlich nach Europa kam und woher sie stammt, ist demnach weniger klar als bislang angenommen. „Das Rätsel um den Ursprung von Syphilis bleibt weiterhin offen“, sagt Bos. „Doch die Ökologie der Krankheiten im mittelalterlichen Europa ist deutlich komplexer als wir denken.“

Quelle: Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte; Fachartikel: Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-020-66012-x

gefunden auf: damals.de

#7 Normannische Eroberung veränderte den Speiseplan von BruderOlyver 06.10.2020 15:29

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Die Eroberung Englands durch die Normannen im Jahr 1066 war ein Ereignis, das die Geschichte, Sprache und Kultur der britischen Inseln entscheidend geprägt hat. Jetzt zeigt eine archäologische Studie, dass sich mit der Ankunft der Normannen auch die Ernährung der einfachen Bevölkerung leicht änderte: Verbesserte Methoden der Landwirtschaft führten unter anderem dazu, dass Schweine- und Hühnerfleisch häufiger auf dem Speiseplan standen.

Vor Ankunft der Normannen unter Wilhelm II. war England jahrhundertelang von den Angelsachsen geprägt. Diese zum germanischen Kulturraum gehörenden Volksstämme dominierten vor allem den Süden und Osten des Landes seit Ende der römischen Herrschaft. Doch im elften Jahrhundert führten ständige Angriffe der Wikinger und der Tod des angelsächsischen Königs Eduard der Bekenner im Januar 1066 zu einem Machtvakuum.

Einer der um den Thron konkurrierenden Adeligen war Wilhelm II., Herzog der Normandie, der über die Heirat einer seiner weiblichen Vorfahren mit den angelsächsischen Königen verwandt war. Ende September 1066 setzte er mit einer Flotte über den Kanal und setzte zur Eroberung Englands an. Im Oktober kam es bei Hastings zum entscheidenden Sieg der Normannen über die Angelsachsen, in dessen Folge sie nach und nach die Herrschaft über das Land gewannen.

Wie veränderte sich die Lebensweise der einfachen Leute?

In den Jahren nach der Eroberung etablierte sich eine normannische Oberschicht, die mit harter Hand über die angelsächsische Mehrheit regierte. Nach und nach kam es dabei zu kulturellen und sprachlichen Vermischungen vor allem innerhalb der Adeligen des Landes. Doch ob und wie die normannische Eroberung das Leben der einfachen Bevölkerung veränderte, war bislang kaum untersucht – auch weil es darüber an schriftlichen Aufzeichnungen fehlt. Deshalb haben nun Elizabeth Craig-Atkins von der University of Sheffield und ihre Kollegen einen archäologischen Ansatz gewählt.

„Indem wir archäologische Belege für die Ernährung und die Gesundheit der einfachen Leute untersuchen, die in dieser Zeit lebten, erhalten wir ein detailliertes Bild ihrer alltäglichen Erfahrungen und ihres Lebensstils“, erklärt Craig-Atkins. Für ihre Studie analysierten sie und ihr Team die Isotopenverhältnisse in den Knochen und Zähnen von 35 Toten, die zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert in der Nähe von Oxford begraben worden waren, sowie von 60 Tierknochen aus der gleichen Zeit und Gegend. Zusätzlich führten sie chemische Analysen von Gefäßrückständen durch. „Erst durch diese vielseitige Palette von Methoden konnten wir herausfinden, wie die Eroberung die Gesundheit und den Speiseplan der Nicht-Eliten beeinflusste“, sagt Co-Autor Richard Madgwick von der Cardiff University.

Intensivierung der Viehhaltung

Die Analysen ergaben, dass der Herrschaftswechsel der einfachen Bevölkerung nur kurzzeitig Schwierigkeiten brachte. Langfristig jedoch profitierten sie von der Ankunft der Normannen: „Es gibt Indizien dafür, dass die Menschen damals Perioden erlebten, in denen das Essen knapp war“, berichtet Craig-Atkins. Diese Mangelzeiten ließen sich an den Zähnen ablesen. Während und kurz nach der normannischen Eroberung kam es demnach zu vorübergehenden Nahrungsengpässen. Die Forscher fanden jedoch keine Anzeichen dafür, dass dies schwerwiegendere Gesundheitsprobleme wie Skorbut oder Rachitis verursachte.




Wenig später besserte sich die Lage der Bevölkerung dann merklich. „Eine Intensivierung der Landwirtschaft führte dazu, dass die Menschen eine stetigere Nahrungsversorgung hatten“, berichten die Archäologen. Zwar standen auf dem Speiseplan wie vorher viel Gemüse, Getreide und Schaffleisch. Zusätzlich aßen die Menschen aber weniger Milchprodukte und dafür mehr Schweinefleisch und Geflügel, wie auch die Tierknochen bestätigen. Die Forscher führen dies darauf zurück, dass die Normannen neue, standardisierte Praktiken in der Viehhaltung einführten, die sie ertragreicher machte. Zudem intensivierten sie die Schweinezucht, wodurch das Fleisch auch für die Bauern erschwinglicher wurde.

Quelle: Cardiff University; Fachartikel: PLOS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0235005

gefunden auf: damals.de

#8 Genetik der Wikinger enträtselt von BruderOlyver 06.10.2020 15:32

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Die Wikinger haben die Geschichte Europas entscheidend geprägt. Doch wer waren die „Nordmänner“ wirklich? Das verraten nun vergleichende DNA-Analysen von mehr als 400 Wikingern aus den verschiedensten Teilen Europas. Die Gendaten enthüllen, dass längst nicht alle Wikinger blonde Skandinavier waren. Stattdessen stammten viele von ihnen von Menschen aus dem Baltikum, von den Britischen Inseln und sogar von nahöstlichen Bauern ab. Die Wikinger waren demnach genetisch ähnlich vielfältig wie die meisten anderen Völker dieser Zeit auch, berichten die Forscher. Der hohe Grad der genetischen Vermischung vor allem entlang der Küsten bestätigt zudem, dass die Verbindungen über das Meer damals eine wichtige Rolle spielten.

Ihr Name war Programm: „Wikinger“ leitet sich vom skandinavischen Begriff für Pirat ab und beschreibt relativ gut das gängige Bild, das viele Menschen von den „Nordmännern“ haben: Blonde, schwer bewaffnete Hünen, die per Schiff anlandeten und die Küstenbewohner ausraubten. Doch in Wirklichkeit war die Wikingerkultur weit mehr als das: In der Zeit von etwa 800 bis 1050 umfasste sie Siedlungen, Handelszentren und weitreichende Handelsrouten, die sich über ganz Europa und bis nach Grönland und sogar Nordamerika erstreckten. „Die Wikinger exportierten Ideen, Technologien, Sprache, Religion und Alltagspraktiken in diese Regionen, entwickelten neue sozio-politische Strukturen und assimilierten ihrerseits kulturelle Einflüsse“, erklärt das internationale Forscherteam unter Leitung von Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen. ‚“Die Wikinger-Ära hat die politische, kulturelle und demografische Karte Europas auf eine Weise verändert, die bis heute erkennbar ist.“

Weniger einheitlich als gedacht

Doch die genetische Basis der Wikingerkultur war bislang nur in Ausschnitten bekannt. Zwar gelten sie landläufig als Skandinavier, ob sich dies aber auch in ihrem Erbgut und ihrer Abstammung widerspiegelte und welche regionalen Unterschiede es gab, ließ sich nicht feststellen. Deshalb haben Willerslev und sein Team nun die Genome von 442 Männern, Frauen und Kindern aus Wikingergräbern von Russland bis Grönland und vom Norden Skandinaviens bis in die Ukraine isoliert und analysiert. Zusätzlich zogen die Forscher Vergleichsproben aus verschiedenen europäischen Populationen von der Bronzezeit bis heute hinzu. „Die Wikingergenome ermöglichen es uns, zu entschlüsseln, wie sich die genetische Selektion vor, während und nach den Wikingerzügen durch Europa entfaltet hat“, erklärt Willerslevs Kollege Fernando Racimo. „Gleichzeitig können wir damit auch ermitteln, wie die Wikinger damals aussahen, und sie mit den heutigen Skandinaviern vergleichen.“

Die DNA-Analysen ergaben, dass die Wikinger genetisch gesehen weit weniger einheitlich waren als landläufig angenommen. „Wir haben genetische Unterschiede selbst zwischen verschiedenen Wikinger-Populationen innerhalb Skandinaviens gefunden“, berichtet Willerslev. „Das zeigt, dass die Wikingergruppen in dieser Region isolierter waren als zuvor angenommen.“ An den Gendaten ist auch ablesbar, dass beispielsweise die Bewohner des südwestlichen Teils von Schweden damals den Dänen ähnlicher waren als den Menschen in anderen Teilen Schwedens. Die Forscher gehen davon aus, dass dort geografische Hindernisse wie Gebirge den Austausch erschwerten, während der Seeweg gerade an den Küsten den Kontakt auch zwischen Skandinavien und den Nachbarregionen erleichterte.

Viele verschiedene Wurzeln

Dazu passt auch ein weiteres Ergebnis der Genstudie: Entgegen gängiger Annahme waren die Wikinger keineswegs alle blonde Skandinavier. Stattdessen stammen auch sie von Populationen verschiedener Abstammung und Herkunft ab. Das Erbgut der meisten Wikinger geht auf eine Mischung von steinzeitlichen Jägern und Sammlern, frühen Bauern sowie Nachfahren von aus der eurasischen Steppe eingewanderten Menschen zurück – ähnlich wie bei anderen europäischen Völkern dieser Zeit auch. Dadurch sind in ihrem Genom Verwandtschaftsbeziehungen sowohl zu baltischen und mitteleuropäischen Populationen nachweisbar als auch Spuren nahöstlicher und asiatischer Ahnen. „Damit verändert unsere Studie das Bild der Wikinger deutlich“, sagt Willerslev. „Die meisten von ihnen waren nicht blond, sondern hatten braune Haare, und waren von genetischen Einflüssen geprägt, die von außerhalb Skandinaviens stammten.“

Dass die Wikinger weniger ein homogener Volksstamm als vielmehr eine Kultur von Menschen vielfältiger Abstammung waren, bestätigen auch die Genome zweier auf den Orkney-Inseln und in Norwegen gestorbener Wikinger. Obwohl sie nach typischer Wikingertradition begraben wurden und Wikingerkleidung trugen, waren sie nicht skandinavischer Abstammung, sondern gehörten zu den Pikten, einem keltischen Stamm, der im Gebiet des heutigen Schottland lebte. Zwei weitere Individuen waren halb piktisch und halb skandinavisch. „Das zeigt uns eine ganz andere Seite der kulturellen Beziehungen – abseits des Raubens und Plündern“, sagt Co-Autor Daniel Lawson von der University of Bristol. Demnach war die Wikingerkultur auch für Angehörige anderer Völker offen. „Unsere Ergebnisse widersprechen den gängigen Annahmen darüber, wer die Wikinger waren – man wird die Geschichtsbücher entsprechend ändern müssen“, sagt Willerslev.

Quelle: Ashot Margaryan (Universitöt Kopenhagen) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-020-2688-8

gefunden auf: damals.de

#9 Wikinger hatten Pocken von BruderOlyver 28.10.2020 16:26

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Schon die Wikinger hatten die Pocken

Die Pocken waren eine der gefährlichsten Seuchen der Menschheit – allein im 20. Jahrhundert starben geschätzt 300 bis 500 Millionen Menschen an dieser Viruserkrankung. Doch wo und wie die inzwischen als ausgerottet geltenden Pocken ihren Anfang nahmen, ist bislang ungeklärt. Jetzt enthüllt eine Genstudie, dass schon vor 1400 Jahren Wikinger das Pockenvirus in sich trugen und es möglicherweise in Europa verbreiteten. Das belegt erstmals, dass die Pocken schon im frühen Mittelalter unter den Menschen grassierten. Die bei den Toten aus der Wikingerzeit nachgewiesenen Variolaviren gehörten allerdings zu einem anderen Stamm als die modernen Pockenviren, wie DNA-Vergleiche ergaben.

Die Ausrottung der Pocken vor 40 Jahren gilt als eine der großen Erfolgsgeschichten der modernen Medizin. Eine weltweite Impfkampagne führte dazu, dass der Erreger, das Variolavirus Orthopoxvirus variolae, inzwischen nicht mehr in der menschlichen Bevölkerung kursiert. Letzte Proben des Virus werden nur noch in zwei Hochsicherheitslaboren in Russland und den USA aufbewahrt. Doch das bedeutet nicht, dass damit nie wieder Pocken auftreten können. Denn wie das Coronavirus Sars-CoV-2 ist auch das Variolavirus einst von einem Tier auf den Menschen übergesprungen. Bis heute existieren verschiedene Arten von Tierpockenviren unter anderem in Kamelen, Nagetieren, Affen und Kühen. „Die Pocken sind zwar ausgerottet, aber ein anderer Stamm könnte schon morgen aus einem dieser Tierreservoire wieder den Artsprung schaffen“, sagt Co-Autor Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen. Umso wichtiger sei es daher, den Ursprung und die Entwicklung des Pockenvirus zu kennen.

Doch an diesem Punkt haperte es bisher. Denn wo und wann ein Mensch erstmals an den Pocken erkrankte und von welchem Tier diese Viren kamen, ist bislang unbekannt. Die frühesten gesicherten genetischen Nachweise einer Pockenerkrankung stammten bislang von einer litauischen Mumie aus dem 17. Jahrhundert sowie zwei tschechischen Toten aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. „Allerdings reichen historische Berichte möglicher Pockenerkrankungen mindestens 3000 Jahre zurück“, berichten die Forscher um Willerslev und Erstautorin Barbara Mühlemann von der University of Cambridge und der Charité Universitätsmedizin in Berlin. Zudem könnten Hautläsionen des 1157 vor Christus gestorbenen ägyptischen Pharaos Ramses V. auf die Pocken zurückgehen. Einer gängigen Theorie zufolge könnten sich die Pocken daher zuerst in Afrika entwickelt haben und wurden dann vom Nahen Osten aus durch Handelsreisende oder zurückkehrende Kreuzritter nach Europa eingetragen.

Nachweis von Pocken-DNA in toten Wikingern

Um mehr Klarheit über die frühe Verbreitung der Pocken zu gewinnen, haben Mühlemann und ihre Kollegen das Erbgut von 1867 Menschen nach Spuren von Pockenvirus-DNA durchsucht, die vor 31.630 bis 150 Jahren in Eurasien und Amerika gestorben sind. Bei 13 dieser Proben wurden sie fündig. Elf davon stammen aus Wikingergräbern, die zwischen 603 und 1050 in Nordeuropa, Großbritannien und Westrussland angelegt wurden. Zwei weitere Pockenvirus-Träger starben im 19. Jahrhundert in Russland. Aus vier der Wikingerproben konnten die Forscher sogar fast das komplette Genom der in diesen Toten vorkommenden Variolaviren rekonstruieren. „Die 1400 Jahre alte genetische Information aus diesen Skeletten ist enorm bedeutend, denn sie verrät uns die evolutionäre Geschichte des menschlichen Pockenvirus“, erklärt Willerslev.

Das in diesen Analysen nachgewiesene Pockenvirus-Erbgut belegt erstmals, dass diese Infektionskrankheit schon vor 1400 Jahren in Nordeuropa grassierte. „Die Sequenzen aus der Wikingerzeit verschieben das Datum der frühesten nachweisbaren Pockenvirus-Infektion um 1000 Jahre in die Vergangenheit“, berichten die Forscher. Der Nachweis dieses Virus in Nordeuropa zu dieser Zeit widerlege auch die Annahmen, dass das Virus durch zurückkehrende Kreuzritter, die Invasion der Mauren oder die Eroberung Englands durch die Normannen nach Europa gekommen sei. Stattdessen trugen schon einige Wikinger ein Pockenvirus in sich, das sie möglicherweise auf ihren Reisen dann in Europa verbreiteten. „Wir wissen, dass die Wikinger sich quer durch Europa und darüber hinaus bewegten und jetzt wissen wir auch, dass sie die Pocken hatten“, sagt Willerslev. „Ähnlich wie Reisende heute Covid-19 verbreiten, taten dies auch die Wikinger mit den Pocken – nur dass sie per Schiff reisten statt mit dem Flugzeug.“

Schwestergruppe der modernen Pockenviren

Die DNA-Analysen ergaben jedoch auch, dass die unter Wikingern grassierende Pockenviren einem anderen Stamm angehörten als die modernen Variolaviren. „Diese frühe Version der Pocken ähnelt Tierpocken wie den Kamelpocken oder den Taterapocken stärker als den modernen Pockenviren“, sagt Co-Autor Lasse Vinner von der Universität Kopenhagen. DNA-Vergleiche ergaben, dass die Wikingerviren eine Schwestergruppe zu den modernen Pockenviren darstellen, die offenbar rund 450 Jahre lang in Nordeuropa umging, dann aber ausstarb. „In den Wikingern Pockenviren zu finden, die genetisch so anders sind, ist wirklich bemerkenswert“, sagt Mühlemanns Kollege Terry Jones. „Keiner hat erwartet, dass solche Pockenvirus-Stämme existierten.“

Sowohl diese Virenvariante als auch die Stammeslinie der modernen Pocken könnten den Analysen zufolge vor rund 1700 Jahren aus einem gemeinsamen Vorfahren entstanden sein und sich dann unabhängig voneinander weiterentwickelt haben. So legen die Vergleiche nahe, dass die alten Wikingerstämme noch einige Gene besaßen, die ihnen ein breiteres Wirtspektrum eröffneten, sie dafür aber möglicherweise weniger aggressiv und tödlich machten, wie die Forscher erklären. „Wir wissen nicht, wie sich die Krankheit in der Wikingerzeit manifestierte. Sie könnte aber anders verlaufen sein als bei dem virulenten modernen Stamm, der hunderte Millionen Menschen entstellte und tötete“, sagt Vinner. Auch wenn noch lange nicht alle Fragen geklärt sind, geben die Ergebnisse dieser Studie damit wertvolle neue Einblicke in die Evolution der Pocken und ihre Ausbreitung in Europa.

Quelle: Barbara Mühlemann (Charité Universitätsmedizin, Berlin) et al., Science, doi: 10.1126/science.aaw8977

© damals.de - Nadja Podbregar

#10 Fake News aus dem Mittelalter von BruderOlyver 03.01.2021 13:22

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Falsche Nachrichten verbreiten sich heute rasend schnell. In der Frühzeit des Buchdrucks dauerte das zwar länger, aber die Wirkung war nicht kleiner: Aus dieser Zeit stammen viele antijüdische Legenden.
Im späten Mittelalter hatten Verschwörungsmythen über Juden Konjunktur. In Wort und Bild wurde verbreitet, dass Juden mit aller nur denkbaren Gnadenlosigkeit Hostien schänden und zu Ostern rituell kleine Kinder abschlachten würden. Welche Bild- und Textwerke schürten damals den Glauben der Menschen an diese Fake News? Das untersucht Vinícius Freitas, Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes DAAD, in seiner Doktorarbeit am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Kunstgeschichte der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg.

Inkunabeln als Spezialgebiet
Wiegendrucke sind das Spezialgebiet des 26-jährigen Brasilianers, der seit April 2019 an der JMU forscht. Mit diesen »Inkunabeln« genannten Druckerzeugnissen aus der Frühzeit des Buchdrucks befasste sich Freitas schon in seiner Masterarbeit an der Universidade Federal Fluminense in Rio de Janeiro: Er zeigte, wie eine antijüdische Ritualmordlegende über diese frühen Drucke entstand und weiterverbreitet wurde: Beispielhaft analysierte er seinerzeit die Inkunabel »Die Geschicht und Legend von dem seyligen Kind und Marterer gennant Symon von den Iuden zu Trientt gemarteret und getoettet«. Gedruckt wurde sie 1475 von Günther Zainer, der als erster Drucker der Inkunabelzeit in Augsburg gilt.

Forschung in Deutschland vertieft
An diesem Thema wollte Vinícius Freitas weiterforschen. Weil das in seinem Herkunftsland nicht in dem Maße möglich gewesen wäre wie in Deutschland, beschloss er, hierher zu kommen. In das Land, in dem im späten Mittelalter antijüdische Legenden durch Drucke verbreitet wurden.

In Eckhard Leuschner, Leiter des JMU-Lehrstuhls für Neuere und Neueste Kunstgeschichte, fand er einen äußerst interessierten Doktorvater. »Geht es um Hostienfrevel- und Ritualmordvorwürfe, werden in der Forschungsliteratur fast immer dieselben Bilder angeführt – es fehlt ein Studium des Materials auf Basis einer breiten Quellenrecherche«, erklärt der Professor. Hauptaufgabe von Freitas sei es zunächst, nach weiteren, wenig bekannten oder sogar völlig unbekannten Druckwerken des 15. und 16. Jahrhunderts so forschen.

Bilder vom angeblichen Hostienfrevel
Im Jahr 1290 kam in Paris erstmals der Vorwurf auf, Juden würden Hostien schänden, erläutert Freitas. Nur acht Jahre später wurden Juden in Röttingen (Kreis Würzburg) beschuldigt, eine Hostie geschändet zu haben. In der Röttinger Pfarrkirche hing bis Ende der 1980er-Jahre ein Ölgemälde, das dieses angebliche Verbrechen darstellte.

Weitere Bildwerke im Zusammenhang mit dem Vorwurf des Hostienfrevels fand der junge Brasilianer bisher unter anderem in Iphofen (Kreis Kitzingen), Regensburg und Passau. Die Corona-Pandemie machte die Suche allerdings schwierig, denn viele Bibliotheken und Archive ließen keine Recherchen vor Ort zu.

Schriftlich wurde eine Ritualmordlegende mitunter bis auf das i-Tüpfelchen ausgefeilt. Berühmtestes und frühestes Beispiel ist laut Freitas das Werk »The Life and Passion of Saint William the Martyr of Norwich« von Thomas of Monmouth. Der Benediktinermönch beschäftigt sich in diesem Werk mit dem Tod des Kindes William. Der Zwölfjährige starb 1144 aus ungeklärten Ursachen. In seinem Werk, an dem der Mönch mehr als 20 Jahre lang schrieb, behauptete er, Juden hätten William gemartert und gekreuzigt. »Diese Legende hat sich in Europa schnell verbreitet«, so Freitas.

Unglaubliche Wirkmacht der Bilder
Bilder im Kopf können der Wirklichkeit diametral entgegengesetzt sein – und sind dennoch oft so wirkmächtig, dass sie eine unglaubliche Kraft entfalten. Eben das reizt den jungen Forscher an seinem Thema. Auch wenn die Menschen mit eigenen Augen niemals gesehen hatten, dass Juden Hostien schändeten, glaubten sie fest daran.

Diesen falschen Vorstellungen wurde auf raffinierteste Weise nachgeholfen. Denn Bildwerke zeigen, wie die massakrierten, aber nach wie vor erhaltenen Hostien zu bluten beginnen. Auch daran glaubten die Menschen sofort. Die vermeintliche Existenz von »Bluthostien« war lukrativ, denn nicht selten wurden die jeweiligen Gemeinden zu Wallfahrtsorten.

Die Bilder, die Freitas bisher fand, zeigen unter anderem Juden, die sich in wildem Jähzorn an Hostien auslassen. In einem mit Stichen illustrierten Buch wird beispielsweise erzählt, wie ein jüdischer Mann an eine Hostie herangekommen sein sollte. Eines der Bilder zeigt eine alte Frau beim Empfang der Kommunion. Doch sie schluckt die Hostie nicht herunter, sondern verbirgt sie im Mund und verkauft sie dem Juden. Ein anderes Bild zeigt ihn in Aktion: Die Hostie ist an die Wand genagelt, der Mann drischt mit einer Geißel voller Wut auf sie ein, so dass sie zu bluten beginnt.

Erstaunliche Parallelen zur Gegenwart
Verblüffend sei, so Professor Leuschner, wie stark aktuelle Verschwörungsmythen über Bill Gates oder Hillary Clinton, die angeblich in geheimen Verstecken unter der Erde Kinder gefangen halten und ihnen Blut abzapfen, solchen Legenden gleichen: »Wahrscheinlich sind sie sogar davon inspiriert.«

Der Knackpunkt zwischen einst und heute ist die Verbreitungsgeschwindigkeit: Noch so krude Mythen zirkulieren dieser Tage via Internet blitzschnell um die Welt. Wie genau und mit welchem Tempo sich antijüdische Legenden im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit dank der Druckkunst verbreitet haben, versucht nun Vinícius Freitas in seiner Doktorarbeit herauszufinden.

Noch zwei Jahre hat der Wissenschaftler Zeit. Er hofft, dass er 2021 wieder freieren Zugang zu Bibliotheken und Sammlungen erhalten kann. Auf seiner Liste stehen Einrichtungen in Deutschland, Österreich und Norditalien.

Quelle: www.archaeologie-online.de/blog/fake-news-aus-dem-mittelalter-4865/

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