#1 Klosterbaustelle Campus Galli von BruderOlyver 06.04.2018 16:30

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Im Mai 2012 berichtete ich von einer Idee, den legendären Klosterplan von St. Gallen in einem Wald bei Meßkirch im Landkreis Sigmaringen in Baden-Württemberg mit dem Mitteln des damaligen Zeit zu realisieren. Seit 2013 verfolge ich die Entwicklung bzw. das was dazu publiziert wird und welches den Interessierten als campus galli bekannt ist. Die ersten Notizen las ich zwar bereits 2009, aber so richtig los scheint es erst 2012/2013 gegangen zu sein. Bis 2016 sollte der Bezuschussungszeitraum gehen, ab jenem Jahr das Projekt sich finanziell selbst tragen. - Ganz offensichtlich ist diese Frist nicht nur verstrichen, sondern wird auf unbestimmte Zeit ausgedehnt.

Die Idee fand ich damals ambitioniert, aber faszinierend. Wie schon manches Mal hatte ich auch hier die vage Zuversicht, dass hier ein deutsches Pentant zu Guédelon entstehen könnte. Die Meldungen in diversen Foren und Blogs, hier sei vor allem Hiltibold aus Graz genannt, ließen bald immer neue Wellen der Ernüchterung über die Flamme der Hoffnung schwappen.

Dass auf diversen Bildern cc-Mitarbeiter in anchronistischen Kostümen und Schuhen herumlaufen kann man zunächst auf Anfangsschwierigkeiten schieben. Dann aber darf nicht zeitgleich auf der Hompage postuliert werden, das zu "schaffen mit den Mitteln des 9. Jahrhunderts".

Einer der vorläufigen Höhepunkte war dann im Oktober 2015 die Bearbeitung eines Feldes auf dem Campus zu sehen. Hiltibold schrieb: Mit hoher Wahrscheinlichkeit dürfte es sich bei dem rot lackierten Objekt um die akribische Rekonstruktion eines (pedalbetriebenen?) Traktors aus dem 9. Jahrhundert handeln! Das zumindest erschließt sich aus einem Satz auf der damaligen Hompage: "Jeder noch so kleine Arbeitsschritt muss von Hand gemacht werden, es gibt nur die direkte Kommunikation zwischen Menschen, keine Maschinen, keine Technik… ".

Aber auch Bilder von zwei Mitarbeitern beidseitig eines gefällten Baumes sitzend mit einer Säge in den Händen passt dann nicht zu den Motorsägespuren an Stumpf und Stamm. Aber all dies zeigt, dass zwar nicht alles nach Vorgabe geschieht, aber dass doch irgendwer irgendetwas macht. Den Wert dieser Aktionen zu bewerten ist eine ganz andere Baustelle.

Was jedoch in meinen Augen ein gravierendes Problem darstellt, ist die Reihenfolge und Geschwindigkeit (die muss man auch im negativen Sinne so bezeichnen), mit der die Gebäude errichtet werden. Von der Homepage sind die folgenden Bilder fast noch kopierwarm:

Der Schindelmacher mit seiner modischen Bedachung!

Die Töpferei mit ihrem rustikale Design!

Die Weberhütte für maximal einem nicht zu großen Weber(knecht)!

#2 Campus Galli - ohne Gebete von BruderOlyver 09.04.2018 11:00

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Mit mehr als einjähriger Verspätung erfuhr ich von einem Artikel, der in der Zeitschrift "Zeit - Online" veröffentlicht wurde. Im Artikel selbst steht neben dem eigentlichen Inhalt auch seine Quelle: Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Im Artikel wird kurz auf die Idee, die Lokalität und auf einige Mitarbeiter eingegangen. Manches wird angesprochen und vieles weg gelassen; ein Zeitungsartikel ist per se begrenzt. Notwendigerweise wird jedoch auch Meßkirchs Bürgermeister Zwick zur Nutzung des Klosters befragt und zeigt eine mir eigentümlich scheinende Haltung; befragt winkt er ab: Es stehe klar im Pachtvertrag, dass religiöse Handlungen auf diesem Grundstück nicht erlaubt seien. Und wenig weiter stellt Autorin Anna Miller fest: Das macht die Sache so paradox. Es ist der wohl erste Klosterbau des Abendlandes, bei dem das Christentum unerwünscht ist.

Sollte also wider Erwarten das ganze Kloster eines Tages Wirklichkeit werden, dann soll es nur die sakulare Umsetzung eines alten Planes sein. Geistloser kann man einen Gebäudekomplex, dessen Struktur bereits auf dem Pergament hier auf der Erde als sinnvoll und nutzbringend zu sehen und geistlich allein zur Ehre Gottes zu denken völlig klar sein muss, nicht in die Landschaft setzen!

Den kompletten Artikel findet man unter http://www.zeit.de/2017/04/campus-galli-...er-bau#comments

Wenn ich die Bilder auf der Hompepage des campus galli richtig auslese, dann sind bis heute (nach etwas mehr als fünf Jahren Bautätigkeiten) folgende Gebäude errichtet worden:

  • die Barracken mit der Kasse am Eingang - sind aber keine Gebäude und nicht auf dem eigentlichen Klostergelände
  • die Pommesbude im Blockhaus - irgendwie ein neuzeitliches Gebäude und nicht auf dem eigentlichen Klostergelände
  • die Gallus-Eremitage - vor 1400 Jahren evtl. passend für einen einzelnen Eremiten außerhalb jegliche Zivilisation und Baustelle
  • ein provisorischer kleiner Hühnerstall - zumindest das Kleinvieh hat nachts ein festes Dach über dem Kopf
  • Korbmacher, Töpfer, Steinmetz haben immerhin überdachte Unterstände anstelle eigener Hütten
  • auch der Seilmacher findet Schutz unter einem Dach, wenn auch ohne Wände und ohne Werkzeug - also kein Reepschläger, Stranggeschirr, Seilerrad für Hanf- und Flachsverarbeitung?
  • der Schmied kann fast ein Gebäudes sein nennen, wenn man die Erde seiner Werkstatt als Wände bezeichnet
  • der Drechsler verfügt über eine Hütte, deren Wände fast komplett verschlossen sind - aber ein Türloch ist vorhanden
  • die Holzkirche ist das aktuell größte Gebäude auf dem Gelände - an ihrer Inneneinrichtung wird aktuell gearbeitet - leider umsonst, denn weihen und als Kirche nutzen ist nicht vorgesehen

Zusammengefasst heißt das, dass die meisten Handwerker ohne eine Handwerkerhütte auskommen müssen?! Viele werkeln unter Zelten! - Und was ist mit dem eigentlichen Projektziel, dem Klosterkomplex?

Wenn jetzt wenigstens der Grundriss des späteren Kreuzganges und die zunächst wichtigen Gebäude (Brunnen, Refektorium, evtl. gleich mit Kapitelraum, Küche, Dormitorium, evtl gleich mit Necessarium, Skriptorium) ansatz- oder ersatzweise erkennbar wären, könnte man einen Sinn in der Baureihenfolge erschließen. Statt dessen den Obstgarten einzumauern oder Arkadenbögen in die Landschaft zu setzen ist für keinen meiner Brüder, gleich welcher Ordenszugehörigkeit, sinnvoll nachvollziehbar.

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