#1 Burgenbau bei Friesach von BruderOlyver 16.04.2018 16:20

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Das Jahr 2009 scheint ein sehr spezielles gewesen zu sein. Nicht nur die Klosterbaustelle campus galli bei Meßkirch wurde beworben und beschlossen, sondern auch ein ambitioniertes Projekt in Kärnten, Südösterreich.

Wikipedia schreibt dazu: Erlebnis Burgbau Friesach ist ein Burgbauprojekt auf dem Gebiet der österreichischen Stadtgemeinde Friesach (Kärnten). Das Projekt versteht sich als Labor für „Experimentalgeschichte“. Dabei wird nach den Ansätzen der Experimentellen Archäologie gearbeitet, wobei ausschließlich mittelalterliche Bautechniken zum Einsatz kommen.

Diese Skizze zeigt das gewünschte Endprodukt.

Es sieht recht übersichtlich aus. Und wenn man die zur Verfügung stehende Fläche von 4000 m² betrachtet, dann muss dies auch so sein. Denn rein rechnerich werden die Außenmauern dieser dreieckigen Höhenburg kaum mehr 95 m lang können. An Gebäuden sollen ein Wohnturm, ein Wohngebäude mit Burgkapelle, ein Eckturm und Wirtschaftsgebäude hinein und um einen Burghof herum. Somit ist die fertige Burg nicht mit Anlagen wie die von Thallichtenberg zu vergleichen. Aber das soll auch nicht gemacht werden. Es soll eine neue Burg in dem typischen Stil der dortigen Gegend um 1200 mit den damaligen Mitteln gebaut werden.

#2 Burgenbau bei Friesach von BruderOlyver 17.04.2018 13:33

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Auf diesen Burgenbau wurde ich aufmerksam durch einen Kommentar auf Hiltibolds Blog. Dort schrieb er: Eine Höhenburg baut man in Friesach (Kärnten). Viel geht dort aber auch nicht weiter. Außerdem hat man sich vom ursprünglich relativ brauchbaren Konzept verabschiedet, nachdem die Kompetenten erst einmal hinausgeekelt waren. Die Lokalpolitiker haben sich für schlauer gehalten. Da ich zunächst wenig brauchbares dazu fand, schrieb ich ihn an. In seiner umgehenden Antwort befand sich ein Link zu einem Artikel in der Standard.at. Die Suche nach Informationen außerhalb der Burgenbau-Website war nicht sonderlich erfolgreich. Verblüfft hat mich vor allem der entsprechende Wikipediaeintrag, denn dessen Quellen sind fast ausnahmlos von der Burgenbau-Website.

Bei meinen Forschngen stieß ich auf diverse Zeitungsartikel, die aber offensichtlich eine gemeinsame Quelle haben mussten, denn sie waren fast wortwörtlich gleichlautent. Interessant sind einige Bemerkungen im Artikel der Welt.de, wenn dort überraschend deutliche Erkenntnisse wie "Wenn wir zu viel Wasser hineinmischen, wird der Mörtel zu dünnflüssig und hat somit zu wenig Bindungskraft" auf die niederschmetternde Erleuchtung "Eindeutige Beweise für bestimme Vorgänge kann die experimentelle Geschichtsforschung nicht liefern" treffen. Auch hier schließt der Artikel mit dem Hinweis auf den kommerziellen Erfolg von Guédelon, der in Friesach kopiert werden soll.

Anfangs schien es mir, dass der ORF eine ähnliche Rolle spielen soll wie der Südkurier für campus galli. Nicht so ganz unkritisch, wenn auch verhaltener, liest es sich, wenn einerseits zunächst der Bürgermeister zu Wort kommt: Laut Bürgermeister Josef Kronlechner sei der Burgenbau langfristig nur finanzierbar, wenn genügend Zuschauer kommen: „Das Projekt wurde bis 2015 mit sieben Millionen Euro ausgelegt, davon zahlt die Gemeinde 800.000 Euro. Das ist sehr viel Geld. Ab 2016 soll das Projekt über die Zuschauereinnahmen finanziert werden. Wir benötigen dann zwischen 80.000 und 100.000 Personen. Das ist absolut zu erreichen, damit das Projekt so weitergeführt werden kann wie bisher.“ Dann jedoch relativiert sich das ganze durch: in der laufenden Saison wurden bereits an die 15.000 Besucher gezählt. Da tut sich doch eine kleine Differenz auf, wenn die Besucherzahl sich auf das Sechsfache erweitern muss!

Da las ich von einer Gesellschaft für Archäologie in Oberösterreich in ihrem eigenen Zeitschrift Sonius.at eine kleinen, verhaltenen Artikel von 2013. Darin liest man die Feststellung: "Nach drei Jahren wurde das gesamte Führungs- und Gründerteam ausgetauscht. Als Begründung wurde die Konzentrierung auf den Tourismus genannt." Der Schlusssatz ist vor allem dann von Bedeutung, wenn man auf die Zeitenbildung der Verben achtet: "Neben dem Tourismus waren stets Wissenschaft, Sozialpolitik, Handwerkstechnik und Baukybernetik entscheidende Elemente der ursprünglichen Idee, die den Burgbau ausgezeichnet haben und damit zum Erfolg beitragen hätten sollen." (Die Unterstreichungen sind von mir.)

Im Mai 2015 schrieb die Kleine Zeitung: "Keine Spur davon, dass sich das seit 2009 betriebene Burgbauprojekt Friesach nach 2016 selbst finanzieren wird. Das wurde Donnerstagabend bei der Gemeinderatssitzung klar. 100.000 Besucher pro Jahr wären notwendig, um ohne Fördergelder auszukommen. Knapp über 15.000 Besucher waren es 2014. Eintritte, Merchandising und Sponsoreinnahmen brachten 196.000 Euro. 40.000 Euro an Materialkosten stehen 964.600 Euro an Personalkosten gegenüber. Der Werbeaufwand liegt bei 48.700 Euro im Jahr. So informierte Burgbau-Geschäftsführer Jürgen Freller den Gemeinderat. Freller lehnt jede Verantwortung für das Nichterreichen der wirtschaftlichen Unabhängigkeit bis 2017 ab." Also hat sich das Besucheraufkommen überraschenderweise nicht explosiv gesteigert und keiner ist daran schuld oder trägt gar die Verantwortung!

Glücklicherweise ist Bürgermeister Josef Kronlechner nicht auf den Kopf gefallen und fand noch ein paar Geldhähne, die es zu öffnen galt. Und so stand im kurier.at am ‎22‎.‎05‎.‎2016 unter der Überschrift "Finanzspritze des Sozialfonds für gemeinnütziges, österreichweit einzigartiges Projekt in Friesach" im Artikel der (vorläufig) erlösende Satz "Die EU hat soeben beschlossen, dieses Projekt ab 2017 mit rund zwei Millionen Euro aus dem Europäischen Sozialfonds zu fördern, weil hier ältere und schwer vermittelbare Arbeitnehmer beschäftigt und wieder in den Arbeitsprozess eingegliedert werden." und weiter "Die Finanzierung ist mit der soeben garantierten EU-Unterstützung zumindest bis Ende 2020 gesichert". Wie weit das reichen wird ist eine andere Frage, denn dass Zuschüsse auch weiterhin nötig sein werden, scheint sicher. Mit 22.000 Besuchern waren nur wenig mehr als ein Fünftel der benötigten zahlenden Gästen zur Burgbaustelle angereist!

eine neue Burg soll bei Friesach in Kärnten entstehen
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